Louis Laqueur: Aus meinem Leben. Erinnerungen. Herausgegeben von Hans-Peter Laqueur. 117 S. 18,0 x 23,5 cm.
ISBN 9963-8223-0-4, Nicosia 1997. (Restexemplare können beim Herausgeber bezogen werden.)


Auszüge


Familie, Abstammung, Kindheit

Ich bin geboren in dem kleinen preuß.schlesischen Städtchen Festenberg am 7. Juli 1839 an einem Sonntag. In fast allen offiziellen Schriftstücken, die ich besitze, ist der 25te Juli als mein Geburtstag angegeben, und dieser Tag ist denn auch von meiner Familie als solcher gefeiert worden. Dies erklärt sich auf folgende Weise:
Zur Zeit meiner Geburt gab es für die Juden in Preußen noch keine amtlichen Standesregister; der Rabbiner, oder derjenige, der dessen Funktionen in der Gemeinde versah, schrieb die Geburten der Kinder in sein Buch ein, natürlich nach dem jüdischen Kalender - der Tag war der 25te des Monats Thamus. Die orthodoxen Juden richteten sich nur nach ihrem Kalender und ignorierten den äußerlichen, wo es irgend anging. In meinem elterlichen Hause war man nicht mehr so streng orthodox, und da der Monat Thamus ungefähr dem Juli entspricht, so gab man, als ich in die Schule ging, merkwürdigerweise nicht den 7. sondern den 25. als den Tag meiner Geburt an. Ich konnte aber später in Straßburg mit Hilfe eines alten Kalenders von 1839 genau feststellen, daß der 25. Thamus dem 7. Juli entsprach, und daß er auf einen Sonntag gefallen ist, wie meine selige Mutter mir oft gesagt hat.
Ich war das dritte von 8 Kindern, welche der Ehe meiner Eltern entsprossen sind und das erste, welches am Leben blieb. Mein Vater hieß Joachim Loebel Laqueur, meine Mutter Johanna geb. Wolf.
Mein Vater war geboren im März 1809 in Staedtel, einem zwischen Namslau und Brieg gelegenen größeren Dorfe, welches eine ziemlich große Judengemeinde hatte, als Sohn des dortigen Rabbiners David Laqueur, der im Jahre 1847 im Alter von 77 Jahren daselbst gestorben ist. Er stand bei den Juden seines Wohnortes und der weiteren Umgebung wegen seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit in hohem Ansehen.
Auch mein Vater, der älteste von seinen 4 Kindern, war zum Talmudstudium bestimmt. Im Alter von 15 Jahren wurde er nach Preßburg in Ungarn geschickt, wo einer der berühmtesten Talmudisten jener Zeit - Moritz Schreiber (Moscheh Haszaufer) - wirkte und lehrte. Welche Opfer mußten die armen Eltern bringen, um dem Sohne die Reise und den zweijährigen Aufenthalt in Preßburg zu ermöglichen. Von Preßburg zurückgekehrt, nahm mein Vater in einer wohlhabenden oberschlesischen Familie namens Gallneck eine Hauslehrerstelle an, und in dieser Stellung vervollkommnete er seine bis dahin sehr mangelhafte Bildung im Deutschen, in der Geographie und den elementaren Wissenschaften. In dieser Zeit schrieb er seinen Namen, wie der Großvater, noch Laquer; das zweite u hat er erst später zugefügt - ich weiß nicht warum. Wie überhaupt der Name entstanden ist, weiß ich nicht. Der Vater des Vaters ist von Kempen nach Städtel ausgewandert, zu einer Zeit, da die Juden noch überhaupt keine Familiennamen hatten; diese wurden ihnen erst Anfang des 19ten Jahrhunderts zur Pflicht gemacht und sie waren in der Erfindung von Namen erst in Verlegenheit. - Die Orthographie des Namens Laqueur hat überhaupt sehr geschwankt. - Ein Bruder meines Großvaters hat ein sehr abenteuerliches Leben geführt. Eines Tages war er verschwunden und viele Jahre lang verschollen. Da hörte man, daß er nach Rußland gegangen war, sich hatte taufen lassen, in Dorpat Medizin studiert und sich in Petersburg als Arzt niedergelassen hatte. Dort war er Leibarzt der damaligen Kaiserin geworden und sehr angesehen. Ein Sohn aus zweiter Ehe (Laquier) hatte in Moskau eine Pianofabrik gegründet und lebte lange Zeit im Wohlstand; ist aber später verarmt. Dieser hat mir ca. 1874 nach Straßburg geschrieben unter Berufung auf die Verwandtschaft und Zusendung eines Briefes meines seligen Vaters, worin derselbe eine Unterstützung von mir verlangt, die ich ihm gegeben habe.
Die Mutter meines Vaters war eine gute einfache Frau, ganz ihrem Manne und ihren Kindern ergeben, die das Unglück hatte im besten Alter auf beiden Augen unter langen heftigen Schmerzen dauernd zu erblinden. Die berühmtesten Augenärzte Breslaus wurden consultiert, natürlich ohne Erfolg, da der Gl. zu jener Zeit unheilbar war. In der Verzweiflung brachte man das Opfer mit ihr nach Galizien zu reisen zum "guten Jud", einem frommen Manne, von dem man rühmte, daß er durch seine Gebete die schwersten Leiden heilen könnte (ähnlich wie man heute nach Lourdes wallfahrtet). Ihre Blindheit blieb aber definitiv, und die gute Frau hat ihr schweres Schicksal vielleicht 30-40 Jahre lang gottergeben und geduldig ertragen und sich, wie sie konnte, nützlich gemacht. Sie starb im hohen Alter von 80 Jahren. Wir Kinder haben sie alle lieb gehabt.

Gar interessant ist mir heute der Rückblick auf das Verhältnis zur christlichen Bevölkerung. Gewiss war die Differenz eine große; schon die Absonderung der Juden, ihre Speisengesetze, ihre Feiertage etc. sorgten dafür, daß sie als gesonderte Kaste betrachtet wurden, aber ein Antisemitismus im heutigen Sinne war doch nicht vorhanden. Die Juden waren gläubig und die Christen meistens auch; der Unterschied war also zunächst rein religiös. Jeder hielt sich allein im Besitz der Wahrheit und bemitleidete die Anderen. Es fehlte das Moment was jetzt den Antisemitismus vorzugsweise nährt und ihn so häßlich macht: der Neid. Hierzu lag aber wirklich keine Veranlassung vor. Die Juden mußten sich quälen und plagen, um das bischen dürftiges Lebensunterhalt zu gewinnen, wie die meisten Christen, nur daß sie sich von den schweren große Kraft verlangenden körperlichen Arbeiten fern hielten. Von den Festenberger Juden waren einige kleine Handwerker.
Von den beiden protestantischen Geistlichen des Städtchens (katholische gab es in Festenberg nicht) war der eine namens Thiele als ein arger Judenhasser bekannt. Er war ein grober, feister Geselle, der auf der Kanzel so oft er konnte, als streng orthodoxer Zelot, die Juden als die Mörder Christi hinstellte und seine Gemeinde vor jedem Verkehr mit den Juden warnte. Der Erfolg war gering; der geschäftliche Verkehr zwischen Juden und Christen war ein ganz glatter und Juden konnten in der Stadt zu Ansehen gelangen, was daraus hervorging, daß mein Vater früh Stadtverordneter und später Mitglied des Magistrates wurde, was keinen Anstand erregte. - Die Spießbürger titulierten ihn gern "Herr Rath". - Meine spätere Aufnahme in das Pfarrhaus in Groß-Graben beweist zur Genüge daß sogar eine wirkliche Intimität zwischen Kindern bestehen konnte.
Als bemerkenswert nenne ich noch aus jener Zeit den Besuch von Johannes Rongi. Dieser Stifter der freireligiösen Gemeinde kam nach Festenberg um zu Predigen, es wurde ihm aber weder ein Saal, noch weniger eine Kirche zu diesem Zwecke überlassen. Er wandte sich nun an die jüdische Gemeinde, die ihm ihren Tempel zur Verfügung stellte.

Im Pfarrhaus in Großgraben.

Das Verhältnis zwischen Kaufmann und Kunden war damals ein ganz anderes wie jetzt, namentlich in kleinen Orten, wo jeder jeden kannte. So erfuhr der Pastor Strauß, daß ich für das Gymnasium vorbereitet werden sollte und meine Eltern mir in Festenberg nicht den erforderlichen Unterricht geben lassen konnten. "Das würde sich am Ende doch machen lassen", sagte Pastor Strauß zu meinem Vater, "ich habe meinen Sohn im gleichen Alter, den ich für die Tertia vorbereiten will, wenn Sie Ihren Sohn Louis zu mir geben dann können die Knaben zusammen arbeiten, was für beide von Vortheil wäre". Meinen Eltern kam dieser Vorschlag sehr erwünscht, ein großes Bedenken hatten sie freilich, die Kost betreffend - von Nichtkoscherem konnte keine Rede sein. Doch auch diese Schwierigkeit wurde besorgt: Man kam überein, daß ich am Montag früh jeder Woche nach Großgraben gehen und etwas kaltes Fleisch mitbringen sollte. Auch würde meine Frau Mutter fertig zubereitete Fleischspeisen in der Woche einmal hinausschicken - an den andern Tagen sollte ich Milch- Mehl- und Eierspeisen genießen. Freitag Nachmittag wanderte ich wieder nach Hause und blieb daselbst bis Montag Morgen. Auch über das unglaublich geringe Schul- u. Pensionsgeld einigte man sich schnell und im April 1850 begann für mich die interessante Großgrabener Periode meiner Kindheit die zwei Jahre, bis zu meinem Eintritt ins Gymnasium in Breslau (April 1852) dauerte.

Auf dem Gymnasium in Breslau.

So war ich denn wohlbestellter Untertertianer des Elisabeth-Gymnasiums und ganz stolz auf die neue Würde. Ich war untergebracht worden in einer Knabenpension am Karlsplatz Nr. 4, "im Westermann" mitten in dem hauptsächlich von Juden bewohnten Viertel. Die Wirtin war eine kräftige tüchtige und wohlwollende Person, ein altes Fräulein Henriette Friedländer. Sie lebte mit ihrer 80 Jahre alten, würdigen Mutter in der kleinen Wohnung, welche noch 5 Knaben beherbergen mußte. Das Haus, in welchem ich 4 Jahre meiner Kindheit verlebte, verdient etwas näher beschrieben zu werden. Eine unhygienischere Wohnung, als die meine war, läßt sich nicht denken. Ein Torbogen führte vom Karlsplatz aus in einen 3 m breiten Gang, an dessen Ende rechts der Aufgang zu der stockfinsteren Treppe lag. Im ersten Stock nach hinten lag die Wohnung des Fräulein Friedländer, bestehend aus 3 hintereinander gelegenen Zimmern (ohne Vorflur) und der Küche. Alle 3 Zimmer empfingen ihr Licht (!) durch Fenster, die in einen 3 m breiten Hof gingen. Die Zimmer waren infolgedessen finster; niemals drang ein Sonnenstrahl hinein und man konnte nur am Fenster bei Tage lesen und schreiben; die Arbeitstische mußten daher immer dicht an's Fenster gerückt werden und die Lampe wurde um eine ½ Stunde früher angezündet als überall anderswo.
Nicht minder traurig wie mit dem Licht war es mit der Luft bestellt. Die Fenster wurden zwar fleißig geöffnet, aber statt frischer Luft drang ein penetranter Uringeruch in die Zimmer, denn in dem blind endenden Hofe unter dem Fenster war ein öffentliches Pissoir das von den Passanten des Karlsplatzes fleißig besucht wurde. - Und in dieser Wohnung lebte ich volle 4 Jahre und blieb (bis auf eine Erkrankung an den Masern) gesund und wurde trotz der Beleuchtungsverhältnisse nicht kurzsichtig! Allerdings brachte ich die Ferien (8-9 Wochen im Jahre) immer zu Hause zu.

Studium in Breslau und Berlin

Es war eine schöne glückliche Zeit, die ich als Student in Breslau verlebt. Das eigentliche Studentenleben mit seinen wüsten Formen habe ich gar nicht genossen, aber auch nicht erstrebt. Dafür genoß ich aber die schöne Freiheit und Ungebundenheit, die ich freilich besser für ernste Studien hätte verwenden sollen, und oft in Allotrias, wie Zeitunglesen, Schachspielen und dergl. gemißbraucht habe. Sehr bedauere ich, daß ich nie in meinem Leben habe früh aufstehen können. Ein Colleg welches im Winter um 8 Uhr morgens gelesen wurde, habe ich fast nie besucht; vor 9 Uhr war ich Sommer und Winter nicht zu haben.

Im ersten Jahr <in Berlin> hielt ich nämlich noch an den jüdischen Speisegesetzen fest und ließ mich um koscher essen zu können, die große Mühe nicht verdrießen, täglich um 1 Uhr den halbstündigen Weg von der Charité nach dem neuen Markt zu einem Restaurant Cassel, zu Fuß zurückzulegen. Eine Omnibusverbindung nach dieser Gegend gab es damals nicht. Erst im Sommer 1860 habe ich mich von den rituellen Speisegesetzen der "Küchen- und Kellerreligion" wie man es nannte, emanzipiert. Ich hätte es schon früher getan, wenn ich nicht meinen Eltern zu Liebe dem Ritus treu geblieben wäre.

Im März 1862 bot mir Liebreich die Assistentenstelle bei dem jungen Augenarzte Georg Schmitz in Cöln an. Er rieth mir dazu, sie anzunehmen - ich willigte ein, unter der Bedingung, daß ich gleichzeitig meine Sache als freiwilliger Arzt beim Militär abdienen könnte. Ich setzte mich deshalb mit Schmitz in direkte Verbindung, verschwieg ihm nicht, daß ich Jude war, und fragte ihn, ob er mich engagieren wolle, wenn ich zugleich beim Militär meinen Dienst absolvierte. Er sagte zu, verlangte nur, daß ich meinen Militärdienst erst im Oktober 1862 antrete und sicherte mir ein Gehalt von 200 Thalern zu. Ich hatte seit langem den Wunsch den Rhein zu sehen, von dem ich oft hatte schwärmen hören (namentlich meinen Freund Weissenburg) und nachdem ich mich der Zustimmung meiner Eltern vergewissert, nahm ich das Engagement definitiv an und fuhr am 1. April 1862 mit dem Tagesschnellzuge nach Cöln.

Assistentenzeit und Militärdienstzeit in Cöln (Ostern 1862-Mich. 1863)

Noch am Vormittag nach meiner Ankunft stellte ich mich meinem neuen Chef, Dr. Schmitz vor, der damals im Domhof (später Wallrafplatz) wohnte. Schmitz, nur 5-6 Jahre älter als ich, unmittelbar vor seiner Verheiratung stehend, hatte sich ein Jahr vorher in Cöln als erster Augenspezialist niedergelassen. Er hatte das Glück, daß der erste Fall, den er in Cöln zu behandeln hatte, ein Fall von Glaucoma acutum war, den er erfolgreich operiert hatte. Dadurch war sein Name schnell bekannt geworden, und im ersten Jahre schon hatte er 1900 Patienten - so groß war das Bedürfnis nach spezialistischer Hülfe. Lange Zeit blieb Schmitz der einzige Augenspezialist in der großen Stadt. Allerdings kam ihm zustatten daß er ein geborener Cölner und der Neffe eines sehr beschäftigten Arztes, Sanitätsrat König, war. - Meine Tätigkeit war eine nicht sehr Anstrengende aber sehr Zeitraubende; ich mußte den ganzen Tag zur Stelle sein. Von 8-10 Uhr war eine Gratissprechstunde, von 10-11 Uhr fuhr Schmitz in der Stadt herum, seine Besuche bei Privatkranken zu machen. In dieser Stunde hatte ich nichts zu tun, und ging oft in das Café frühstücken. Von 11-1 Uhr war Privatsprechstunde, bei der ich immer zugegen war. Nachmittags von 3-5 Uhr wieder Consultationen. Am Sonntag war der Vormittag ganz ebenso besetzt wie an Wochentagen; nur nachmittags war ich von 3 Uhr ab ziemlich frei. Ich versah die gewöhnlichen Assistentendienste; aber auch in der kleinen Privatklinik mit ca. 6 Betten, welche Schmitz in der Nähe hatte, und war für einen Assistenten ziemlich selbstständig. - Meine Verhältnis zum Chef war stets das allerbeste und angenehme - aber ohne --- für die dortigen Verhältnisse war, daß er mich nicht einmal in sein Haus eingeladen hat. Überhaupt habe ich während meines achtzehnmonatlichen Aufenthaltes in Cöln nicht ein einziges Mal an einem Familientische gegessen.

Im September 1862 meldete ich mich als Einjährig-Freiwilliger Arzt zum Dienste in einem in Cöln garnisonierenden Regiment und wurde vom Generalarzt in Coblenz bei dem dritten Bataillon des 25. Inf.Reg. angestellt - leider gerade bei diesem, denn ich hatte als Vorgesetzten den gräßlichen allgemein gefürchteten Stabsarzt Wache, einen alten Hypochonder, der einer der wenigen nicht promovierten Militärärzte der Armee war, die es noch gab und ein kleinlicher unwissender Patron obendrein. Ich schwankte, ob ich nicht meine Anstellung in einem anderen Truppenteil beantragen sollte, doch konnte ich den wahren Grund meines Gesuches nicht angeben und so versuchte ich es, mit dem alten "Schelle" auszukommen. Es ging herzlich schwer; Wache wußte an allem herumzunörgeln, trotzdem ging es ohne Krach ab, und ich wurde nicht gestraft.
Ein Landsmann Dr. Sorauer, damals Assistenzarzt in Cöln lehrte mich oberflächlich das militärische Grüßen, und so machte ich mich wohlgemut in der neuen Uniform auf den Weg, um mich bei Wache, dem Hauptmann Bassenge, dem Major von Bardeleben und dem Oberst von Raven (der im Krieg gefallen ist) zu melden. Nach der damals bestehenden Einrichtung bekam ich sofort Degen und silbernes Porte-épée und stand im Range des ältesten Sergeanten. In den ersten Monaten mußte ich in der Kaserne wohnen (hatte eine Offiziersstube und einen Burschen) und mein Dienst bestand nur aus Revierdienst. Ich hatte die Soldaten zu untersuchen und zu behandeln, die sich vor Beginn des Dienstes, also im Winter vor 7 Uhr krank meldeten. Um 8 Uhr war mein Dienst gewöhnlich zu Ende, und ich konnte meine Assistentendienste in der Klinik von Dr. Schmitz beinahe so regelmäßig leisten wie früher.

Paris (1863-1869)

Am Samstag, den 12. November 1863 abends 6 Uhr traf ich auf dem Nordbahnhof in Paris ein. Mit der Sorglosigkeit die mir von meinem Vater in die Wiege gelegt worden ist trat ich in die neue Epoche meines Lebens ein, einige Scrupel verursachte mir nur die mangelhafte Kenntnis der Sprache. - Ich nahm eine Droschke, sagte dem Kutscher deutlich die wohl auswenig gelernte Adresse: Rue St. André des Arts 27 prês le pont St. Michel, und fuhr durch die glänzend beleuchtete Straße, der Boul. Sebastopol an die Liebreichische Klinik, in der ich verbleiben sollte. Doch die Pförtnerin sagte mir, daß Liebreich anders über mich beschlossen hatte. Ich sollte in einem kleinen Hotel garni der Klinik gegenüber gelegen, absteigen und führte mich dahin. Dort fand ich ein Zimmer, welches mir einen Begriff von den damaligen Studentenwohnungen im Quartier Latin gab und dessen Einrichtung mich in Erstaunen versetzte: der Fußboden nicht von Holz sondern mit 6-eckigen rothen Tonplatten belegt, ein Marmorkamin mit Holzfeuer, ein fester Tisch und Stühle, ein Fauteuil und ein enorm breites Bett. das Ganze machte mir den Eindruck zugleich von Vornehmheit und Pauverté. - Ein solches Zimmer kostete ca. 40 Frs. pro Monat. - Meine provisorische Wohnung gab ich Ende November auf und mietete ein Zimmer im 3ten Stock der Rue de l'Ancienne Comédie 9 in welchem ich drei volle Jahre blieb, bis ich in der neuen Liebreich'schen Klinik in der Rue Git-le-Coeur ein Zimmer bekam. Mein Zimmer in der Rue de l'Ancienne Comédie war nicht übel. Das Bett stand in einem Alkoven, der durch Türen abgeschlossen werden konnte, so daß es einem kleinen Salon (allerdings auch mit roten Platten gepflastert) ähnlich war. Aber schrecklich waren die Abortverhältnisse - kein Sitz sondern Trittbretter, die entsetzlich verunreinigt waren. So waren damals alle Aborte im Quartier Latrin. Es war mir unmöglich, diesen doch unentbehrlichen Ort zu benützen - ich konnte mir nur auf diese Weise helfen, daß ich wartete bis ich in die Klinik kam, oder nachmittags die Cabinets inodores auf dem rechten Seineufer benutzte. Diese liessen allerdings nichts zu wünschen übrig. Ich bin aber durch diese alle Beschreibungen spottenden Verhältnisse manchmal in arge Notlagen geraten.

Unter den vielen Gästen, welche die <Welt->Ausstellung nach Paris zog, befand sich auch Dr. Sachs-Bey aus Kairo, ein schlesischer Landsmann, welcher als tüchtiger Chirurg in Kairo eine große Praxis erworben hatte, und selbst den Khediv behandelt hatte. Er war ein frischer, lebhafter, kenntnisreicher Mann, der jeden Sommer nach Paris kam, und mir viel von Ägypten erzählte, dem Lande, in dem er sein Glück gemacht und es bis zum Bey gebracht hatte. Er schilderte mir besonders eingehend die ärztlichen Verhältnisse von Kairo; es gäbe dort keinen einzigen Arzt, der von moderner Ophtalmologie etwas verstünde und ich könnte sicher nichts besseres tun, als mich dort niederzulassen, er werde mir sehr behülflich sein etc. Die Sache kam mir sehr plausibel vor, und ich war nahe daran, dem Rate von Sachs zu folgen, doch hielt mich einerseits eine gewisse Trägheit, andererseits der Gedanke an meine Eltern, die den Schritt sicherlich gemißbilligt hätten davon zurück. Auch das erneute Zureden von Dr. Sachs, der 1868 wieder nach Paris kam, hatte keinen Erfolg; so blieb ich denn weiter in meiner Assistentenstellung, die sich mittlerweile financiell immer besser gestaltete.

Der Krieg

Der Sommer war sehr heiß und in Lyon ist die Hitze ganz besonders drückend - in der Nacht erfolgte nur eine geringe Abkühlung. Gegen Abend wurde ich von den Freunden, den Brüdern Weigert und Herrn Uhde, manchmal auch von jungen Franzosen, zu einem Spaziergange auf den Rhônequais abgeholt, wo man am ehesten Luft hatte.
In diese stille, gleichmäßige aber befriedigende Thätigkeit fiel wie ein Blitz aus heiterem Himmel der Deutsch-Französische Krieg ein und zerstörte mit einem Male das bisher Erreichte und alle Pläne für die Zukunft. Im Folgenden will ich berichten, in wie weit ich damit von dem welthistorischen Ereignisse betroffen wurde.

Am 3. Juli, dem Jahrestage der Schlacht von Königgrätz, veranstalteten die vereinigten deutschen Turn- und Gesangsvereine von Lyon einen Ausflug zu Schiffe nach einem Örtchen, südlich von Vienne an der Rhône gelegen. Ein besonderes Dampfschiff war gemietet worden, prächtig mit deutschen und französischen Fahnen geschmückt - ein Musikkorps an Bord - eine an 100 Personen zählende Gesellschaft Herren und Damen junge Herren und Mädchen - ein herrlicher Sommertag und eine lustige Gesellschaft. Ich war zu der Partie eingeladen und hatte die Absicht teilzunehmen, konnte aber, weil ich an diesem Sonntag Vormittag noch einen entfernt wohnenden Kranken zu besuchen hatte, nicht am Morgen 8 ½ Uhr zu Schiffe mitfahren, sondern reiste nachmittags um 2 Uhr mit der Eisenbahn nach.
Auf dem Bahnhof kaufte ich mir zur Kurzweil die soeben Nummer des "Progrès de Lyon" und las darin eine kurze telegraphische Notiz, die besagte, daß die Cortes den Prinzen Leopold von Hohenzollern zum König gewählt hatte und daß dieser die Wahl angenommen hat. Obgleich ich niemals ein Politiker gewesen bin, wurde mir doch die ungeheure Bedeutung dieser Nachricht klar. Wie wird sich Frankreich dazu stellen? Zwar befanden wir uns im tiefsten Frieden - im Mai hatte das Plebiszit Napoleons Stellung aufs Neue befestigt - der Minister Ollivier konnte am politischen Himmel keinen point noir entdecken - alles schien in bester Ordnung zu sein; wir wußten aber alle sehr gut, daß der Groll des französischen Volkes über die kolossalen Erfolge Preußens nicht erloschen war, und eine revanche pour Sadova populär gewesen wäre.
Ich fuhr also nachmittags nach Vienne, machte aber um die Freunde nicht zu stören keinem meiner Freunde von dieser gelesenen Neuigkeit Mitteilung. Dort fand ich eine muntere, selbst ausgelassene Gesellschaft. Sie waren von dem Maire des Dorfes feierlich empfangen worden - alle, Einwohner und Gäste waren mit Fahnen, französische und deutsche, das Musikkorps an der Spitze durch das Dorf gegangen. Reden waren gehalten worden, die auf die Amitié des peuples français et allemands ausklangen - ein Ball champêtre, auf dem wir mit den jungen Bauernmädchen tanzten, kurz ein wahres Verbrüderungsfest bei strahlendem Sonnenschein. Kein Mensch außer mir hatte eine Ahnung davon, welche schwere unheilvolle Wetterwolke in diesem Moment bereits heraufgezogen war; daß das Ungewitter so schnell ausbrechen würde, konnte ich freilich nicht vermuten, doch konnte ich mich an jenem Tage des sonst so erhebenden und beglückenden Schauspiels der Freundschaft zu den Deutschen und Franzosen nicht aufrichtig freuen.
Die Ereignisse folgten sich bekanntlich schnell. Am 6. Juli fand die bekannte Interpellation und die Erklärung des Duc de Grammont statt, welche stark nach Krieg aussah. Dann die Sendung Benedettis nach Ems, die Depeschen von dort, die von Tag zu Tage bis zum 13ten Juli die Situation schlimmer erschienen liessen. Die Presse mit wenigen Ausnahmen nahm einen mehr oder weniger kriegerischen Ton an. Da kam am 13. Juli abends eine plötzliche Détente. Weigert erzählte mir, daß an diesem Tage der Kurs der Zwang 3 % Rente plötzlich um mehr als 1½ % in die Höhe geschnellt sei - das konnte nur die Bedeutung haben, daß nunmehr die Kriegsgefahr abgewendet sei. In der Tat meldeten am folgenden (Donnerstag) Morgen die Zeitungen, daß Emile Ollivier in der Salle des Pas-Perdus des Corps législatif seinen Freunden erklärt habe "Nous avons la paix" und der offiziöse "Constitutionel" sprach in Begeisterung von einer "grande victoire diplomatique" welche Frankreich durch die Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron errungen habe. Wir atmeten alle froh auf - aber die Freude dauerte nicht lange. Noch am Abend des Donnerstag, 14. Juli wurde die neue Forderung bekannt, die Benedetti an König Wilhelm in Ems gestellt hatte und die wir unverschämt fanden, und am Freitag morgen erfuhr ich die schreckliche Gewißheit. Gegen 11 Uhr erhielt ich den Besuch meines Kollegen Barde aus Genf, der mir mitteilte, er habe soeben auf der Straße die an diesem Morgen im Senate verlesene Erklärung Olliviers gelesen, der Krieg sei absolut sicher.
Von diesem Tage ab bis zu meiner Abreise von Lyon habe ich eine furchtbar aufregungsvolle Zeit verlebt. In meiner Not beschloß ich nach Paris zu fahren und Liebreich um Rat zu fragen, in dessen Klugheit und Erfahrung ich unbegrenztes Vertrauen setzte. Ich reiste Samstag den 16. Juli abends ab, traf Sonntag morgen ein - unterwegs sah es schon ziemlich kriegerisch aus - ich sah auf dem Bahnhofe viele Soldaten in feldmäßiger Ausrüstung, auch Marketenderinnen in hübschen Uniformen, überall ungewöhnliches Leben und Bewegung.

Sehr besorgt reiste ich Dienstag Abend von Paris heim und traf Mittwoch morgen in Lyon ein. Zu Hause fand ich meine Einberufungsorder vor - die französische Post hatte sie anstandslos befördert, obwohl sie an den Königl. Assistenzarzt der Landwehr L.L. adressiert und mit dem Vermerk "Militär" und mit dem Militärsiegel versehen war. Ich hatte Order, mich sofort in Mainz zu melden und mich dem III. stehenden Kriegslazarett des VI. Armeekorps, welches Mainz passieren würde, anzuschließen.
Ich wollte nun so schnell wie möglich meine Sachen in Ordnung bringen und einen der nächsten Tage abreisen - hierzu, d.h. um Frankreich zu verlassen, war ein Pass notwendig, ohne diesen konnte man die Grenze nicht überschreiten. Ich ging daher auf die Präfektur, um einen solchen zu erlangen, dort sagte man mir aber, am 20. Juli, daß dies unmöglich sei, denn es sei soeben aus Paris der Befehl eingetroffen, die in Frankreich wohnenden militärpflichtigen Deutschen nicht abreisen zu lassen. Vous êtes, sagte mir der Beamte scherzhaft, notre prisonnier de guerre, mais votre prison est assez vaste, c'est la France entière. Ich protestierte unter Berufung auf die Convention de Genève, ich sei nach dieser als Neutraler zu behandeln - aber es half nichts. Auch die Intervention des amerikanischen Consuls, Herrn Osterhaus, der mit der Vertretung der Interessen der Angehörigen des Norddeutschen Bundes vertraut worden war, und der sich selbst für mich beim Präfekten verwendete, war ohne Wirkung - nous avons nos ordres, wurde uns erwidert.

Ich kam ohne Anstand nach Basel und fuhr mit einem Dutzend junger schweizer Militärärzte in Uniform zusammen, die sich nach dem Elsaß auf den Kriegsschauplatz begaben. Die Schweizerregierung hatte sechs von ihnen zur französischen, 6 zur deutschen Armee geschickt. Sie waren vollständig und sehr zweckmäßig ausgerüstet. Wir sprachen natürlich viel vom Kriege, vom Lazarettwesen usw. Die Sympathien waren geteilt - die deutschen Schweizer wußten alles mögliche zur Verteidigung der Franzosen zu sagen, während 2 oder 3 aus dem Kantone du Vaud und Genf aus ihrer Bewunderung für Deutschland kein Hehl machten.

Die Reise in der Richtung nach Nancy war in der Tat so schwierig, wie man mir voraus gesagt hatte. Nachmittags gegen 2 Uhr war ich abgereist und um 11 Uhr abends kam ich in Ludwigshafen an. Auf allen Stationen waren lange, manchmal stundenlange Aufenthalte, man durfte sich nicht vom Zuge entfernen, denn niemand wußte wann es weiter gehen würde, auch der Zugführer nicht. - Auf allen Stationen erkundigte ich mich nach dem Lazareth, konnte aber entweder gar nichts erfahren oder hörte, daß es vor einiger Zeit durchpassiert sei. Die langsame Vorwärtsbewegung und die oft stundenlangen Pausen waren schrecklich langweilig. Doch half die Ungeduld nicht, mit mir fuhr ein badischer General mit seinem Adjudanten der seine Pferde mitführte - auch er schimpfte genug - damals ließ es sich aber nicht anders machen.
<In Lunéville> erfuhr ich, daß mein Lazareth dort seit wenigen Tagen sich etablirt hatte und wußte nun, wohin ich gehörte. In den letzten Wochen war ich mir wie ein heimatloser Vagabund vorgekommen.
Am 22. August meldete ich mich bei dem Feldlazarethdirector Dr. Lagus, meinem nunmehrigen Vorgesetzten. Ich setzte ihm die Gründe meines verspäteten Erscheinens auseinander, die er acceptierte, entschuldigte mich auch, daß ich in Civil kam, denn es war mir absolut unmöglich eine Uniform zu beschaffen und auch jetzt noch würde es nicht möglich sein. Lagus sagte mir daß ich als Stellvertretender Chefarzt des 3. stehenden Kriegslazareths VI. A. C. angestellt worden sei. - Chefarzt könnte ich nicht sein, weil dieser ein Stabsarzt sein mußte - ich war nur Assistenzarzt 1. Klasse. Ich hatte aber alle Befugnisse und Pflichten des Chefarztes. Nunmehr wurde ich mit einem Male Vorgesetzter einer kleinen Truppe.

Ich war in der Stadt bei einem alten Herrn, einem Mitgliede des Gerichts einquartiert und hatte ein hübsches Zimmerchen für mich allein. Anfangs wurde mir das Essen im Zimmer serviert, aber es entwickelte sich ein freundliches Verhältnis zu meinen Wirtsleuten, die mich aufforderten, am Familientische teilzunehmen. Dank meiner Kenntnisse der französischen Sprache wurde die Konversation oft sehr lebhaft, munter und zuletzt vergassen wir oft gänzlich, daß wir als Feinde im Haus waren. Über die Kriegsereignisse wurde im allgemeinen nicht gesprochen, doch fiel es mir oft auf, wie gut die Familie über die Vorgänge auf dem Kriegsschauplatz informiert war. Wie erfuhren gar nichts, als was in den uns spät zukommenden Zeitungen stand, und die Franzosen waren sehr schnell über Sedan und andere Ereignisse unterrichtet. Am 2. u. 3. September fiel uns Deutschen ein ungewöhnliches Verhalten der Franzosen auf, welches wir uns nicht zu erklären vermochten, später stellte sich heraus, daß sie um die Capitulation und die Gefangennahme Napoléons wußten, während wir die ersten Nachrichten erst durch die Gefangenentransporte erfuhren, die am 4. u. 5. September durch Lunéville durchpassierten. So hörten wir von dem großartigen Erfolge unserer Waffen drei Tage später, als die ganze Welt und das, obwohl wir kaum 200 Kilometer von dem Schauplatze des großen Dramas entfernt waren.

Das Weihnachtsfest feierten wir auf deutsche Art. Im Lazareth wurde in jedem Saale ein Christbaum aufgestellt, unter ihm die kleinen Geschenke für jeden unserer Kranken und wir Ärzte beschenkten uns gegenseitig mit Kleinigkeiten, die zum Teil humoristischen Charakter hatten. Den Franzosen, die in großer Zahl erschienen waren, machte das Fest einen imposanten Eindruck und viele von ihnen haben es wahrscheinlich später nachgeahmt.

Nach dem Krieg

In welchem Milieu ich mich befand lernte ich auf andere Weise bald erkennen. Kurz vor meiner Ankunft <in Lyon 1871> war ein Schmutzblatt gegründet worden "l'Antiprussien" das auf den Straßen ausgerufen und in tausend Exemplaren gekauft wurde. In diesem waren die Namen der in Lyon lebenden Deutschen mit genauer Adresse angegeben, auch der meinige in großen Lettern unter denjenigen "qui ont trompé leurs mains dans du sang français". Bei der noch herrschenden Aufregung war dies eine Aufforderung an den wütenden Pöbel, auszuplündern oder totzuschlagen. Beinahe ebenso roh war das "Journal de Lyon", eine große täglich erscheinende Zeitung, die von August Schnéegangs redigiert wurde, welcher bald umsattelte und deutscher Generalkonsul in Genua wurde. Damals brachte er jeden Tag die gemeinsten Lügen und Verleumdungen gegen uns.

Ich ging also am 1. November nach Berlin, besuchte natürlich sofort Bamberger, bei dem ich einen französischen Deputierten M. Lefebvre fand - B. hatte immer noch freundschaftliche Beziehungen zu französischen Politikern - und bald darauf Roggenbach. Dieser sagte mir, daß er Wert darauf lege daß wenigstens einer oder der andere der Neuberufenen <nach Straßburg> französisch vortragen könne und daß er deshalb mich als Extraordinarius vorzuschlagen gedenke; vielmehr bat ich ihn darum, weil ich mich eines Ordinariats nicht für würdig hielt - wie ich später erfuhr, hat ihm diese bescheidene Selbsteinschätzung sehr imponiert. Er bot mir ein Gehalt von 1000 Talern an und ich müsse mich verpflichten am 1. Mai in Straßburg mein neues Amt zu übernehmen.
Ich reiste von Berlin frohen Herzens nach Mainz, konnte ich doch jetzt meine Werbung, an die ich ernstlich dachte, mit der Aussicht auf eine geachtete sociale Stellung stützen.

Heirat

Am 2. April <1872> fand die Unterzeichnung des Ehecontractes im Hause der Schwiegereltern statt. Am 3. April war die Civiltrauung auf dem Stadthause, vollzogen durch den Herrn Wollan, der bei dieser Gelegenheit eine sehr hübsche Ansprache hielt. Der Civiltrauung wohnten nur meine Mutter und Geschwister und die Eltern und Geschwister Mariens. Die religiöse Trauung fand am Donnerstag, 4. April statt und war im Hause der Braut, in dem schönen großen Saal (nach dem Bischofsplatz zu). - Die sehr gute und nicht zu lange Traurede hielt der freisinnige Rabbiner Kahn, die jüdischen Zeremonien waren auf das Minimum beschränkt. Nach der Trauung fand ein Empfang statt, zu dem eine Menge von Mainzer Bekannten und Freunden erschienen und gegen 3 Uhr das Hochzeitsessen im Holländischen Hofe mit ca. 40 Gedecken.
Marie und ich hatten uns vorgenommen, gegen 6 Uhr, wie üblich, ohne Abschied zu verschwinden. Und dies gelang uns ohne sonderliches Aufsehen. Alles war für die Abreise gut vorbereitet. Die Reisekleider waren parat, der Reisekoffer vollständig gepackt. Das Programm unserer Hochzeitsreise war genau entworfen; wir sollten bis Worms reisen, dann weiter nach Nürnberg, München, Salzburg, Wien, Prag, Dresden und nach Mainz zurück. Am 27. April trafen wir wieder in Mainz ein und fuhren am 28. April nach Straßburg, unserer neuen Heimat, wo wir im Roten Hause absteigen. Alles war dort beschäftigt mit den Vorbereitungen zu dem großen Feste, mit dem am 1. Mai die Universität eingeweiht werden sollte.